Rodelverein

Swarovski-Halltal-Absam

seit 1904

1850 - heute: Absamer Pioniere im Rodelbau

Absam blickt auf eine fast 170 Jahre alte Rodelbau-Tradition zurück und ist damit das Ursprungsland des Rodelbaus schlechthin. Von den Klumpern, über die Böckl’n und der Weißnicht-Rodel haben Absamer Pioniere den Rodelbau und seine Geschichte wie kaum jemals andere geprägt. Die Hochburg des Rennrodelsports ist eng mit dem Salzbergbau im Halltal verbunden.

Der Rodelbau gehört zu den Absamern und zum Halltal, wie Mozart zu Salzburg. Nach zum Teil mündlichen Überlieferungen und aus Protokollen der Saline Hall sind im Halltal im Jahre 1850 die ersten rodelähnlichen Fahrzeuge, die Klumper entstanden. Damit fand die Idee des Rodelns in Absam ihren Ursprung. Dieses mehr als primitive Rodelgerät bestand aus nur zwei nach vorne abgerundeten, senkrecht aufgestellten Brettchen, einem ebenso langen Brett, das als Sitz befestigt war und mit einfachen Eisenschienen, die einen besseren Lauf garantieren sollten. Die erforderlichen Nägel waren handgeschmiedet. Ein Sportgerät, das allerdings nur von Schuljungen, nicht aber von Knappen verwendet wurde.

Mit Böckl’n Start ins Rodelzeitalter
Erst in den Jahren 1865 bis 1870 kamen vereinzelt weiterentwickelte Fahrzeuge zum Einsatz, bis endlich der Absamer Bergmann Johann Laimgruber als erster die so genannten „Böckl’n“ in Tirol anfing zu bauen. Als besondere Neuheit verwendete er von Natur gebogenes Holz mit Schienen für die Kufen und Gurte für die Sitze. So fuhren zur damaligen Zeit die Absamer Rodler mit Holzrodeln, die laufend weiter verbessert wurden. Laimgruber’s  Rodeln, die von kleiner stabiler Bauart waren, nannte man auch die „Berger-Rodel“. Auch unter dem Namen „Spezialtyp Halltal“  bekannt, konnte man sie zum Preis von 16,50 Kronen als Einsitzer und 18,00 Kronen als Doppelsitzer erwerben. Der Schienenfrage nahmen sich Fachleute des Salzberges an, unterzogen die Rodel eines gründlichen Materialchecks und trugen damit entscheidend zur Verbesserung der Rodel bei. Damit zählten die Bergkameraden der Saline im Halltal praktisch zu den frühesten Rodelbauern Tirols.
Als weiterer Rodel-Förderer gilt der damals allgemein bekannte Absamer Rodelmeister des Halltals, Peinstingl Josef, Sen. Er widmete sich hauptsächlich der Schienenfrage, die er auch aufgrund seiner langen Erfahrung meisterhaft löste. Jahrelang blieb er mit seiner Konstruktion ungeschlagener Rodelmeister des Halltals. Neben Johann Laimgruber gab es um die Jahrhundertwende einen weiteren Absamer Geburtshelfer des Tiroler Rodelbaus, den Wagnermeister Johann Prantner (1875 – 1957). Er baute schon während seiner Lehrzeit Ende der 1880er Jahre Rodeln und entwickelte sich zum unbestrittenen Meister des Rodelbaus. Er baute auch als Erster Doppelsitzer. Zusammen mit seinem Sohn Josef entstanden bis in die 1950er Jahre  über 3.000 Rodeln.

Rodel-Revolution aus dem Sudetenland
Ein kongeniales Genie im Rodelbau war der 1908 im heute polnischen Brückenberg im Riesengebirge geborene Sudetendeutsche Martin Tietze. Er revolutionierte nicht nur mit seiner Tietze-Rodel den Rodelbau, sondern wurde in den 1930er Jahren viermal in Folge Europameister im Einzel und 1937 im Doppel. Mit seinem von ihm neu entwickelten Schlitten kam er 1941 zur Deutschen Rodelmeisterschaft nach Igls. Dass der aus dem böhmischen Reichenberg stammende Albert Krauss Gesamtdeutscher Meister wurde ist Wenigen in Erinnerung geblieben, aber die Tietze-Rodel war in aller Munde. Die Deutschen Meisterschaften im Rennrodeln 1941 sollten allerdings Martin Tietzes letzte Meisterschaft gewesen sein: Im September 1942 fiel er im Alter von 34 Jahren an der Ostfront.

Absam entwickelt sich zum Rodel-Mekka
Mit der Einführung der so genannten Tietze-Rodel entwickelte sich der Rodelsport auch bei unseren Absamer Rodlern entscheidend weiter, zumal auch sie immer weiter tüftelten. Aus den Protokollbüchern der ersten Nachkriegs-Sitzungen des Absamer Rodelvereins geht hervor, dass das Problem „Rodelbau“ immer und immer wieder thematisiert wurde, bis schließlich auf der Generalversammlung am 08. März 1947 ein Rodelausschuss gegründet wurde, der die Aufgabe hatte „… den Rodelbau zu unterstützen und zu überwachen…“. Mitglieder im Ausschuss waren Mayr Michl Sen., die Gebrüder Weißnicht, Sturm Josef und Sponring Hans. Und der Ausschuss nahm seine Aufgabe ernst. So wurde bereits ein halbes Jahr später eine Sonder-Versammlung einberufen, bei der Toni Weißnicht einen besonderen Appel an die Jugend richtete und über die Verbesserung des Rodelbaus und ihre Fahrweise berichtete. Rodelausschussmitglied Mayr Michl gab dann Allgemeines über den Bau der neuen Titze-Rodel bekannt, die sich bis dato am besten bewährt hatte. Wagnermeister Prantner Sepp Sen. wurde beauftragt, auch beim Bau einer richtigen Rodel mitzuarbeiten.

Eine Arbeit, die ganz einfach strukturiert war: Toni Weißnicht hatte die Tietze-Rodel heimlich fotografiert, dann Zeichnungen erstellt und der Rest der Truppe hat unter Anleitung vom Prantner Josef Sen. versucht, sie nachzubauen. Die „Köpfe“ dabei waren ganz sicher die Weißnicht-Brüder, die immer wieder experimentierten, die Schienen steil, weniger steil stellten und einmal gefundene Ergebnisse hunderte Male wieder verworfen und verbessert haben. Unterstützt wurden sie von einem ostdeutschen Kriegsflüchtling, einem Wagenmeister, der bei einem Bruder von Michl‘s Vater Unterschlupf gefunden hatte.

Auch die Kommunikation innerhalb des Rodelvereins klappte weiterhin gut. So hat der damalige Obmann Anton Weißnicht eine Schulungskarte „…über die richtige Fahrweise der Tietze-Rodel …“  angefertigt. Und unsere Schriftführerin Leni Arnold vermerkte im Protokoll: „… durch seine mustergültige und praktische Schulungskarte konnte unser Obmann Anton Weißnicht manchem unserer Rennfahrer gute und praktische Winke für die heurige Rodelsaison mitgeben. Wir alle danken dem Obmann für seine große Arbeit, die er auf sich genommen hat und hoffen - auch aufgrund dieser Belehrung - große Erfolge verbuchen zu können …“.

Der Rodelbau – Eine eigene Philosophie
Die ersten Rodeln wurden damals noch ausgeschnitten und das Vorderteil aufgeleimt. Erst später hat man sie gebogen. Im Rodelbau wird vorwiegend zähes und elastisches Eschenholz verwendet, für Billig-Rodeln kommt Buchenholz zum Einsatz. Wichtig ist, dass das Holz luftgetrocknet ist und nicht aus Trockenkammern kommt, da es sonst meistens spröde wird. Im ersten Arbeitsgang werden die Kufen über ein Modell gebogen. Dazu werden Ø 50x80 mm Kanthölzer mit Hilfe eines Dampfkessels in einem Rohr gedämpft und in die Biegevorrichtung gespannt. Die Herstellung der Spangen erfolgt durch die Lamellenverleimung unter Druckluft.  Die Gestelle werden unter besonderer Beachtung der Maße und Winkel angefertigt, um die Spurstabilität der Rodel zu gewährleisten. 

Europameisterschaft 1951 – Durchbruch der neuen Technologie
Bei den Europameisterschaften 1951 in Igls schaffte die neue Rodel-Technologie endgültig ihren Durchbruch. Die beweglichen Tietze- und Weißnicht-Rodeln waren den starren Holmenkollen-  bzw. Davoser Schlitten mit bis zu 5 m langen Stangen zum Lenken haushoch überlegen. So konnte Hilde Sturm mit einer Weißnicht-Rodel mit ihrem 2. Platz bei der Europameisterschaft in lgls den ersten internationalen Erfolg für unseren Absamer Rodelverein einfahren. Das 50-jährige Bestehen des Vereins im Jahr 1954 fiel mit dem 2. Platz von Ernst und Richard Feistmantl bei der Europameisterschaft in Davos zusammen. Danach ging es Schlag auf Schlag: Anton Fischler war im Jahr 1955 unser erster Österreichischer Meister, Willi Laimgruber/Josef Unterfrauner waren im Jahr 1957 unsere ersten Europameister und Jos Feistmantl mit Manfred Stengl unsere ersten Olympiasieger, ausgerechnet im Jahr 1964 bei den Olympischen Spielen in Innsbruck – um nur einige Erfolge zu nennen. 

Die Prantners – Eine Rodelbau-Dynastie in V. Generation
Spricht man in Absam von der Geschichte des Rodelbaus, kommt man an der Familie Prantner nicht vorbei. Begonnen hat alles im Jahre 1859 mit der Gründung der Wagnerei Prantner in Absam in der Steinerstraße durch Andrä Prantner. Um 1900 hat sein Neffe Johann Prantner übernommen und im Jahr 1945 wiederum dessen Sohn Josef Prantner Sen. 1992 führte Pranter Josef Jun. das Unternehmen und heute ist Stefan Prantner in der fünften Generation am Ruder. Ging es zu Beginn nur um Fuhrwerke, Räder oder landwirtschaftliche Geräte, änderte sich das schnell, als Johann Prantner das Geschäft seines Onkels übernahm und bereits Ende der 1880er anfing, Rodeln zu bauen und dieses Handwerk zusammen mit seinem Sohn Josef Prantner Sen. zur Perfektion trieb. 

Gemeindemuseum Absam – Wintersport „Rodeln“
Das Gemeindemuseum in Absam widmet dem Rodelsport eine Dauerausstellung mit Leihgaben vom Absamer Josef Prantner, einem Haller Bock (Spezialtyp Halltal) von 1918 und einer Weißnicht-Rennrodel von 1950. Eine Tietze-Rennrodel von 1945 (Leihgabe Familie Michael Mayr), eine Naturbahnrodel, Modell Gasser von 1958, Leihgabe von Karl Feistmantl, die Olympia-Rodel von Josef „Jos“ Feistmantl von 1964 und die Doppelsitzer-Kunstbahnrodel von Andreas und Wolfgang Linger von 2000.